Mentale Stärke

Nervös oder aufgeregt? Gleicher Körper, andere Geschichte

Nervös und aufgeregt fühlt sich im Körper gleich an: Herzrasen, Adrenalin, Kribbeln im Bauch. Ein Kind einfach zu beruhigen ist schwer. Aber du kannst ihm helfen, das Gefühl neu zu benennen und die Energie zu behalten.

17. Juni 2026 · 5 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Nervös und aufgeregt fühlt sich im Körper gleich an. Herzrasen, Adrenalin, Kribbeln im Bauch. Der einzige Unterschied ist das Etikett, das dein Kind draufklebt.
  • Kämpf nicht gegen das Gefühl an, benenne es neu. “Beruhig dich” hilft selten. Man kann hohe Anspannung nicht auf Kommando ausschalten. “Ich bin aufgeregt” hilft schon eher. Es behält die Energie und ändert die Geschichte.
  • Nerven sind Treibstoff. Und ein Zeichen, dass es deinem Kind wichtig ist. Sieh sie als Körper, der sich bereit macht. Nicht als etwas, das schiefläuft.

Hinter den Startblöcken vor einem großen Rennen wird dein Kind still und ein bisschen blass. Das Herz pocht, die Hände sind kalt, der Magen ist verknotet. “Ich bin so nervös”, sagt es. Und jede Zelle in dir will das mit den natürlichsten Worten der Welt richten: Entspann dich einfach. Beruhig dich. Du schaffst das. Es funktioniert fast nie.

“Beruhig dich” scheitert aus einem einfachen Grund. Nervosität ist ein Zustand voller Energie: pochendes Herz, Adrenalin, diese kribbelnde Wachheit. Ruhe ist ein Zustand mit wenig Energie. Ein aufgedrehtes Kind soll in dreißig Sekunden vor dem Rennen von einem in den anderen springen. Das ist fast unmöglich. Wenn es nicht klappt, hat dein Kind noch ein Problem mehr: Jetzt ist es nervös und schafft es nicht, sich zu beruhigen. Mit besten Absichten hast du die Last verdoppelt.

Probier also die andere Richtung. Nervosität und Aufregung sind körperlich das Gleiche: dasselbe Herzrasen, dasselbe Adrenalin, dasselbe Kribbeln im Bauch. Der Körper dreht auf, und das Gehirn klebt ein Etikett drauf. “Nervös” ist die ängstliche Deutung. “Aufgeregt” ist die bereite. Die Geschichte ist der Teil, den du wirklich ändern kannst. Die Psychologin Alison Wood Brooks fand heraus: Menschen, die sich vor einem stressigen Moment einfach sagten “Ich bin aufgeregt”, schnitten besser ab als die, die versuchten, sich zu beruhigen. Die breitere Forschung zu Gefühlen zeigt dasselbe: Das Gefühl folgt dem Etikett, nicht umgekehrt.

Es hilft zu wissen, was das Gefühl eigentlich ist. Diese Nerven sind keine Warnung, dass etwas nicht stimmt. Sie geben deinem Kind einen Tank voll Energie für das Rennen, das gleich kommt. Das pochende Herz liefert Sauerstoff. Das Kribbeln ist Konzentration. Sogar der Knoten im Magen ist nur der Körper, der hochfährt. Nerven bedeuten auch: Es ist deinem Kind wichtig. Niemand bekommt Schmetterlinge im Bauch bei etwas, das ihm egal ist. So gesehen ist das Gefühl kein Feind, den man unterdrücken muss. Es ist der Beweis, dass dein Kind bereit ist und dass es zählt.

Wie sieht das als Elternteil aus? Lass “entspann dich” weg. Fang damit an, das Gefühl normal zu machen: “Klar hast du Schmetterlinge im Bauch, das ist ein großes Rennen.” So denkt dein Kind nicht, dass etwas kaputt ist. Dann gib ihm das neue Etikett: “Das ist dein Körper, der dich schnell macht. Nennen wir es aufgeregt.” Es ist klein, fast albern, laut ausgesprochen. Und viel nützlicher als jeder Versuch, dein Kind runterzureden. Achte dabei auch auf dich selbst. Nerven sind ansteckend. Ein angespannter Elternteil am Beckenrand ist noch etwas, das ein Schwimmer aufsaugt. Deine ruhige, fast fröhliche Energie gehört zur neuen Deutung dazu.

Wie jedes Werkzeug wirkt es am besten, wenn man es vorher übt. Übt das neue Etikett bei kleinen Wettkämpfen ohne Druck. Dann läuft es beim wichtigen Wettkampf von allein. Und verbindet es damit, dass dein Kind seinen Rennplan kennt. Energie lässt sich viel leichter “Aufregung” nennen, wenn sie irgendwohin darf. (Falls die Nerven mal in etwas Größeres kippen, etwa in Angst, die schon die Tage vor dem Wettkampf ruiniert, oder in echte Verzweiflung, dann lohnt sich ein ruhiges Gespräch mit dem Trainer. Manchmal braucht es mehr als einen neuen Namen. Die meiste Aufregung am Renntag ist aber nicht so.)

Der Körper würde vor einem Rennen sowieso kribbeln. Wie dein Schwimmer das nennt, ist der Teil, den du ihm beibringen kannst.


Teile es mit deinem Schwimmer

Wie du die neue Deutung weitergibst, ändert sich, wenn dein Kind älter wird:

  • Unter 12 (du fährst). Bleib konkret und freundlich: “Die Schmetterlinge im Bauch heißen, dein Körper macht sich schnell.” Nenne das Gefühl einen Helfer. In diesem Alter ist das ganze Ziel, dass Nerven keine Angst machen.
  • 12–15 (ihr teilt euch das Steuer). Bring das neue Etikett als Werkzeug bei, das deinem Kind gehört: hinter den Blöcken “Ich bin nicht nervös, ich bin aufgeregt”, mit Absicht gesagt. Lass es das bei kleinen Wettkämpfen üben, damit es beim großen von allein kommt. Und verbinde es damit, den Rennplan zu kennen, damit die Energie eine Aufgabe hat.
  • Ab 16 (sie fahren). Sie können tiefer gehen: Das Gefühl ist nur Anspannung, neutral, bis sie es benennen. Der Schalter gehört ihnen. Vor allem: Lade deine Nerven nicht auf ihre. Deine Ruhe ist die Deutung, die sie auffangen.

Bleib mit dem Trainer auf einer Linie

Trainer bestimmen die Renntag-Routine und das Aufwärmen. Beides lenkt nervöse Energie. Unterstütze es und gib am Beckenrand keine anderen Anweisungen. Wenn dein Schwimmer wirklich mit Nerven kämpft, sag es dem Trainer. Er hat das tausendmal gesehen und hat echte Werkzeuge. Versuch nicht, es von der Tribüne aus zu coachen. Deine Aufgabe am Renntag ist Ruhe und das neue Etikett.

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Geh mit den Experten in die Tiefe

  • SwimPros Performance Academy: Der Olympionike David Karasek bringt das neue Etikett für Nervosität bei. Und die Idee, dass Gedanken und Gefühle Deutungen sind, keine Fakten.
  • “Get Excited”, Alison Wood Brooks (2014): die Studie, die zeigt, dass Angst als Aufregung zu deuten besser wirkt als der Versuch, sich zu beruhigen.
  • Theorie der kognitiven Bewertung, Richard Lazarus: die Forschung, dass Gefühle aus unserer Deutung einer Situation folgen. Deutet man sie neu, ändert sich das Gefühl.

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